Interview mit Prof. Dr. med. Samuel Pfeifer

Prof. Dr. Samuel Pfeifer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und 25 Jahre lang Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie „Sonnenhalde“ in Riehen bei Basel. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, die bisher in zwölf Sprachen übersetzt wurden; bekannt auch durch vielfältige Artikel, Vorträge und Seminare.

Jedes Jahr erkranken rund 5 Millionen Menschen in Deutschland an einer Depression, jeder Dritte ist statistisch gesehen einmal im Laufe des Lebens betroffen. Prof. Dr. med. Samuel Pfeifer, Prof. für Psychotherapie und Psychiatrie berichtet, wie man eine Depression erkennt und wie man als Betroffener oder Angehöriger am besten damit umgehen kann.

Herr Prof. Dr. Pfeifer,
Was ist für Sie der größte verbreitete Irrtum oder das größte Vorurteil beim Thema Depression?
Vor kurzem hatte ich eine 40-jährige Frau in der Beratung, die bis anhin sehr erfolgreich in Familie und Beruf war. Und nun war ihr alles zu viel geworden. Als ich von Depression sprach, rief sie aus: „Nein, das darf nicht sein! Was denken denn die Leute über mich! Ich will nicht schwach sein!“ Oft kommen noch Schuldgefühle dazu: Was habe ich falsch gemacht, dass ich eine Depression habe?

Woran kann man erkennen, dass man eine Depression hat und nicht einfach nur “schlecht drauf” ist? Wie grenzt sich eine Depression von normaler Traurigkeit ab?
Es gibt eine ganze Reihe von Schlüsselfragen für die Diagnose einer Depression, etwa: Können Sie sich noch freuen, haben sie noch Energie und Antrieb, wie ist ihr Schlaf, ziehen Sie sich von anderen Menschen zurück? Wenn diese Lebensbereiche über Tage oder Wochen gestört sind, dann handelt es sich um eine Depression, insbesondere, wenn es nicht einen aktuellen Grund für Traurigkeit gäbe.

Wie entstehen Depressionen, was sind Ursachen und Auslöser?
In der Medizin unterscheiden wir zwischen biologischen, sozialen und psychischen Elementen, die eine Depression verursachen. Es gibt Menschen, die in der weiteren Familie eine erbliche Belastung haben. Für andere sind Stress, zerbrochene Beziehungen oder Verluste zu viel. Und dazu kommt noch die Art und Weise, wie Menschen über sich selbst und andere denken: Mich mag keiner, ich bin nichts wert, ich bin ein totaler Versager. Sie sehen alles durch die „schwarze Brille“, und das führt zu einem Strudel von negativen Gedanken.

Gibt es Faktoren, die eine Depression begünstigen wie etwa Geschlecht, Gene, Alter?
Frauen sind deutlich häufiger von Depressionen betroffen als Männer. Sie sind feinfühliger, denken mehr über sich selbst nach und sind vermehrt ihren Gefühlen ausgesetzt. Es gibt aber auch genetisch bedingte Depressionen, insbesondere die bipolaren Störungen, bei denen es ohne äußeren Grund zu schweren depressiven Phasen, dazwischen aber auch zu Phasen mit einem Hochgefühl kommen kann. Und das Alter ist insofern ein Risikofaktor, als sich dann der Lebenskreis verkleinert, man vermehrt krank wird und liebe Menschen verliert. Verständlich, dass das zu Depressionen führt.

Sind Depressionen eine reine Krankheit der Seele?
Körper und Seele sind eng verbunden. So können sich Depressionen auch körperlich äußern: Kopfschmerzen, Muskelverspannungen, Verdauungsbeschwerden oder ein Druck auf der Brust. Hier spricht man von psychosomatischen Beschwerden.

Muss jede Depression behandelt werden oder kann sie auch von allein wieder verschwinden?
Leichtere Depressionen können auch von selbst wieder abklingen. Wenn aber die Depression zur deutlichen Störung der Lebensfreude, des Kontaktes mit anderen Menschen und zum Abfall der Leistungsfähigkeit im Alltag führt, dann ist eine Behandlung angezeigt.

Wie werden Depressionen behandelt?
Wesentlich ist das Gespräch: die betroffene Person wird gehört und fühlt sich angenommen und verstanden. Sie kann reden über das, was ihr Not macht. Gemeinsam entwickelt man dann eine Strategie, wie man mit den dunklen Gedanken umgehen kann, was Trost und Ermutigung gibt. Weil die Erschöpfung oft groß ist, wäre zu überlegen, wer die Person praktisch unterstützen kann. Und nicht zuletzt ermutige ich die Menschen dazu, sich einen Plan für jeden Tag zu machen: Man darf sich Ruhe gönnen, aber die Person sollte jeden Tag mindestens eine Stunde an die frische Luft, auch wenn ihr das anfänglich Mühe macht.

Was ist mit Tabletten? Viele Betroffene haben Angst, dass Antidepressiva sie verändern würden?
Bei mittelschweren bis schweren Depressionen sind Medikamente eine große Hilfe: Sie verbessern den Schlaf, dämpfen den seelischen Schmerz und geben vermehrt Kraft für den Alltag. Manche fragen mich, ob die Antidepressiva sie verändern würden. Ich frage dann: „Ist denn Ihr jetziger Zustand das Normale? Möchten Sie nicht wieder fröhlicher sein und mehr Energie haben? Möchten Sie keine Veränderung?“ Fakt ist, dass die Vorteile der Medikamente die Nachteile bei weitem überwiegen. Und wenn man dann wieder stabil ist, können die Pillen ausgeschlichen werden.
Auch Christen können Depressionen haben. Welchen negativen Einfluss kann die Depression auf den Glauben von Menschen haben?
Die dunkle Brille der Depression kann auch den Glauben verdunkeln: „Gott hat mich verlassen! Er hört meine Gebete nicht mehr! Meine Schuld trennt mich von Gott. Es gibt keine Hoffnung für mich!“ Derartige Sätze höre ich von Menschen, die von ganzem Herzen um den Glauben ringen. Doch die Gedanken sind negativer Ausdruck ihrer Krankheit, kein Abbild der Wirklichkeit.

Viele Gläubige mit Depressionen fühlen sich abgeschnitten von Gott, können nicht mehr beten, fühlen sich deshalb schuldig. Wie kann man mit diesen negativen Aspekten umgehen?
Auch in der Bibel lesen wir ähnliche Klagen, etwa in den Psalmen. Wesentlich ist, dass Gott da ist, auch wenn wir ihn – krankheitsbedingt – nicht fühlen. Er liebt uns und trägt uns durch. Sicher kennen Sie das Bild von den Fußspuren im Sand. Hilfreich kann christliche Musik sein, ob traditionell oder im Stil der Praise-Musik. Mir gefällt das Lied von Lynda Randle, die sinngemäß singt: Der Gott der Berge ist auch Gott im dunklen Tal! Nach dem Abklingen der Depression wird auch der Glaube wieder zuversichtlich werden.

Welchen positiven Einfluss kann der Glaube auf die Depression haben?
In der Begleitung meiner Patienten habe ich drei positive Auswirkungen einer Depression auf den Glauben beobachtet: 1. Eine Vertiefung der Gottesbeziehung, 2. Glaube als Schutz vor Verzweiflung und Suizid, und schließlich 3. Glaube als Quelle der Kraft in der Depression. Gerade kürzlich sagte mir ein Mann: „In dieser depressiven Zeit bin ich Gott so viel näher gekommen! Er ist meine Kraft, auch in meiner Schwachheit!“

Was raten Sie Menschen, die in ihrem Bekannten- oder Freundeskreis bei einer Person eine Depression vermuten?
Nehmen Sie die Person ernst, hören Sie ihr zu und raten Sie ihr zum Arzt zu gehen. Manchmal kann es helfen, einen Depressionsfragebogen im Internet auszufüllen, um zu sehen, welche Symptome vorhanden sind.

Kann man im Umgang mit Betroffenen auch was falsch machen?
Es gibt einen Satz, den man nie verwenden sollte: „Reiß dich zusammen!“ Damit verstärkt man die falschen Leistungsansprüche im depressiven Denken. Problematisch ist es auch, wenn man das Negative verdrängt und der Person sagt, sie solle nur auf das Gute und auf Gott schauen. Manchmal ist das Tal, das wir durchwandern, ein dunkles Tal – das darf man auch einmal sagen und darüber trauern.

Depressionen sind oft auch für die Angehörigen eine große Herausforderung, wenn die Person sich sehr stark verändert. Was kann man tun, um selbst nicht die Geduld oder Hoffnung zu verlieren?
Die Begleitung depressiver Menschen erfordert viel Einfühlung und Geduld. Oftmals wird man durch die Traurigkeit und die negativen Gedanken selbst nach unten gezogen. Es ist nicht immer leicht zu unterscheiden, wo eine Person geschont werden muss, und wo sie zu vermehrter Aktivität ermutigt werden sollte. Für Angehörige ist es wichtig, sich mit einer Vertrauensperson außerhalb des betroffenen Familiensystems austauschen zu können, sei dies im Gespräch, im Gebet, oder einfach in einer unbeschwerten Stunde bei Kaffee und Kuchen. Es braucht Zeit, bis sich jemand von einer Depression erholt.

Was möchten Sie den Lesern mitgeben, die selbst gerade mit Depression zu kämpfen haben?
Es gibt Hoffnung! Depressionen gehen in den allermeisten Fällen vorüber. Gespräche und Medikamente sind eine große Hilfe und lindern den seelischen Schmerz. Der Weg durchs dunkle Tal kann oft nicht abgekürzt werden, aber der Herr kommt mit!

Herzlichen Dank für das Interview, Prof. Dr. Pfeifer!

 

Dieses Interview ist erschienen im Erlebt Magazin zum Thema „Depression“


Buchhinweis

Dr. Samuel Pfeifer
Depression – Krankheit der Moderne
SCM Hänssler

 

 

Die Seminarhefte von Prof. Dr. Samuel Pfeifer sind für das Lesen auf einem Tablet oder Mobiltelefon optimiert und können gratis von dieser Webseite heruntergeladen werden:
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