Israel verstehen

 

Chaos auf der ganzen Linie. Das beschreibt die Bibel in ihren ersten elf Kapiteln. Nach einem guten Start – Gott schuf die Welt – geht es bergab. Am Ende stehen die großen Gerichte Gottes an der Völkerwelt: die Sintflut und die Zerstreuung nach dem Turmbau zu Babel. Dann die Wende! Die „Kamera“ des Erzählers zoomt einen Mann heran: Abraham (1. Mose 12). Warum ausgerechnet Abraham? Das wissen wir nicht. Doch klar ist, dass dieser Mann von enormer Bedeutung ist. Auf ihm ruht nun der Blick.

DER STARTPUNKT: ABRAHAM

 

Gott spricht Abraham an und gibt ihm gigantische Verheißungen mit auf den Weg (1. Mose 12,1-3): Er soll ein Land bekommen und aus ihm soll ein Volk hervorgehen. Volk plus Land ergeben (modern gesprochen) eine Nation. Die Rede ist von Israel. Israel ist jedoch nicht Selbstzweck. Es soll zum Segen der Welt werden, zum Segen für die gesamte Menschheit. Das sind gewaltige Perspektiven!

Doch die Geschichte verläuft holprig. Das Volk Israel wächst in Ägypten heran, gerät in die Sklaverei und wird durch Mose befreit. Die nächste Station ist der Sinai. Dort bietet Gott Israel an, sein Bundesvolk zu werden. Israel stimmt zu und verpflichtet sich auf die Tora; Gott wiederum verpflichtet sich, Israels Gott zu sein (2. Mose 19–24). Der Bund zwischen Gott und Israel ist geschlossen – er wird nie wieder aufgelöst werden.

Doch schon bald treten Spannungen auf, denn Israel bricht den Bund ein ums andere Mal. Jahrhundertelang ringt Gott um sein Volk, mit überschaubarem Erfolg. Schließlich geschieht das Furchtbare: 721 v. Chr. vernichten die Assyrer das Nordreich (Israel) und zerstreuen die 10 Stämme in ihrem riesigen Weltreich. 586 v. Chr. erobern die Babylonier das Südreich (Juda), zerstören Jerusalem und den Tempel und nehmen die Juden mit ins Exil. Tiefer kann das Gottesvolk kaum sinken. Israel scheint am Ende zu sein.

Um diesem Missverständnis zu wehren, lässt Gott seine Propheten eine gewaltige Heilsbotschaft verkünden: Am Ende der Tage wird Gott sein Volk wieder in seinem Land sammeln. Die Nation Israel wird wieder auferstehen und neu erstrahlen.

Und – Gott wird Israel von innen heraus erneuern. Er wird seinem Volk kollektiv den Heiligen Geist geben, der die Tora in die Herzen der Juden hineinschreiben wird (neuer Bund). Dann wird Israel von Herzen Gott gehorsam sein und sicheren Bestand haben – für immer (Jeremia 31–33; Hesekiel 36–39).

NEUER BUND, NEUE ZEIT

 

Der neue Bund wurde von Jesus, dem Messias Israels, ins Leben gerufen (Lukas 22,20). Primär dient er der Wiederherstellung Israels. Denn Israel zu erlösen, ist die zentrale Aufgabe des Messias. Doch schon bald wird klar, dass die Erlösung, die im neuen Bund steckt, nicht nur für Israel ist. Denn alle Menschen sind Sünder. Alle brauchen Erlösung und Rettung. Deshalb geht das Evangelium von Jesus Christus hinaus in die ganze Welt. Damit sind wir bei uns, den Christen.

Wir Gläubige aus den Völkern bekommen durch Jesus Anteil an der Erlösung, die eigentlich für Israel gedacht ist. Das ist der entscheidende Punkt. Paulus beschreibt dies mit einem Gleichnis: dem Ölbaum (Römer 11,17–24). Wir Christen sind Zweige wilder Ölbäume, werden in den Ölbaum Gottes „eingepfropft“ und bekommen nun Anteil an seinem guten „Saft“. Was für ein Geschenk! Die Juden wiederum, die das Evangelium ablehnen, werden aus ihrem Ölbaum „ausgebrochen“, doch werden sie eines Tages wieder „eingepfropft“ werden. Am Ende wird, wie Paulus betont, „ganz Israel gerettet werden“ (Römer 11,26; LUT) und darf ins ewige Reich Gottes einziehen. Das bedeutet Heil für Israel.

WIR CHRISTEN SIND FOLGLICH AUF VIELFÄLTIGE WEISE MIT DEM JÜDISCHEN VOLK VERBUNDEN:

 

Wir glauben an Jesus. Jesus gehört zum jüdischen Volk. Er ist Jude unter Juden; er ist jüdischer Rabbi und der ersehnte Messias der Juden (Matthäus 1,1; 15,24). An Jesus zu glauben, heißt, an den Messias zu glauben. Unser Glaube ist eine Variante jüdischen Glaubens.

Wir haben Anteil am Heilshandeln Gottes an Israel (Ölbaum). Was immer wir geistlich haben, wir haben es von den Juden. Juden formulierten das Evangelium und trugen es in die Welt. Die Apostel waren jüdisch, das Neue Testament ist es auch.

Jesus bringt es auf den Punkt: „Das Heil kommt von den Juden“ (Johannes 4,22; LUT).

Wir haben einen Auftrag an Israel: Juden auf Jesus hinzuweisen (Römer 11,11+14). Laut Paulus soll dies allerdings indirekt geschehen: durch unser Sein, unseren Lebenswandel, unsere Wertschätzung und unsere Liebe zu den Juden. Wenn Juden uns positiv wahrnehmen, ebnet ihnen das den Weg zu Jesus.

DIE KIRCHENGESCHICHTE: SCHULD UND NEUANFANG

 

Die Kirche Jesu hat jedoch einen anderen Weg eingeschlagen. Christen haben sich über die Juden erhoben und sie verachtet – gegen die eindringlichen Warnungen des Apostels Paulus (Römer 11,18–21). Christen haben die Irrlehre entwickelt, Gott habe mit Israel Schluss gemacht und es durch die Gemeinde Jesu ersetzt („Ersatztheologie“). Sie taten dies, obwohl Israel für immer Gottes Bundesvolk ist (Römer 11,28!) und Paulus die Ersatztheologie entschieden verneint (Römer 11,1+11).

Laut Römer 11,2 (LUT) ist das genaue Gegenteil der Fall: „Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat!“ Klare Worte, die man kaum missverstehen kann. Wie konnte dann die Christenheit für fast 2.000 Jahre das Gegenteil verkündigen? Das bleibt rätselhaft.

Die Haltung der Christenheit hatte Folgen. Man sah die Juden als die Verworfenen, als Gottesfeinde und Christusmörder, als teuflisch und gefährlich, ja als Personifikation des Bösen an. Also bekämpfte man sie: Vertreibungen, Enteignungen, Verbrennung von Gebetsbüchern, Missbrauch, Vergewaltigung, Mord und Totschlag – all das wurde Juden von Christen angetan. Das ist fatal, grauenvoll, beschämend und fordert zur Umkehr heraus.

Viele sagen: „Man muss doch heute andere Wege gehen!“ Das ist wahr. Doch wie geht das?

Folgende Fragen können helfen:

  • Wie können wir die biblische Sonderstellung Israels heute aufgreifen, bejahen lernen und in unseren Gemeinden ehren?

  • Wie können wir Israel einen angemessenen Platz in unserem Glaubenssystem geben?

  • Wie können wir unsere jüdischen Wurzeln neu entdecken und „Wurzelbewusstsein“ entwickeln?

  • Wie können wir Juden Gutes tun, so dass unsere Umkehr praktisch wird und wir unserem Auftrag gerecht werden?

  • Einfach gefragt: Wie können wir Juden zum Segen werden?

Die letzte Frage ist besonders interessant, denn Gott sagt: Wer Juden segnet, der wird gesegnet (1. Mose 12,3). Dies gilt generell, auch wenn in Israel längst nicht alles in Ordnung ist. Israel zu segnen, ist ein Einstieg in die Segenskreisläufe Gottes. Was könnte es Besseres geben?

Christen und Juden haben die gleiche Wurzel und eine gemeinsame Zukunft. Beide gehen ihren Weg unter der Regie des einen Gottes. Sie gehören zusammen wie Bruder und Schwester, wie Mann und Frau oder gute Freunde. Christen gehören an die Seite Israels. Das ist geistlich gesehen ihr natürlicher Platz.

* * *

Dr. Tobias Krämer

Dr. Tobias Krämer (Jg. 1968) ist promovierter Theologe. Jahrelang arbeitete er als Pastor und Theologiedozent. Nun ist er bei Christen an der Seite Israels e.V. tätig. Daneben ist er als Coach, Gemeindeberater und Sprecher gefragt. Tobias ist mit Christina verheiratet. Die beiden haben zwei Söhne und wohnen im Großraum Stuttgart.

 


 

Dieser Artikel stammt aus der Israel-Sonderausgabe des ERLEBT Magazins
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ERLEBT Magazin Ausgabe 46

Israel-Sonderausgabe des ERLEBT Magazins

 

 

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Frau schaut nach oben. Beitrag zum Thema Gottes Stimme hören.