Je nach Blickwinkel

 

Von Daniel Kallauch – Theologe, Künstler, Komiker

Mit dem 1. April trat in unserem Land ein neues Gesetz in Kraft: die Legalisierung von Cannabis. Leider kein Aprilscherz. Am direkt darauffolgenden Sonntag saß ich in unserer Kirche im Gottesdienst und wurde herzlich von vorne begrüßt. Die Gäste, die zum ersten Mal da waren, wurden eingeladen, sich am Schluss ein Begrüßungspaket abzuholen. Dieses enthält Informationen zum Gemeindeleben und eine kleine Überraschung. Ein belustigtes Raunen ging durch die Reihen, als es abschließend hieß: „Holt euch nach dem Gottesdienst gerne dort hinten eine Tüte ab.“

Ja, wir gehen in unserer Gemeinde mit der Zeit. Nein, die doppelte Bedeutung eines Wortes lässt verschiedene Interpretationen zu. Genau damit spielt Humor: Je nach Kontext und Perspektive wird Normales auf einmal lustig.

 

Ist Gott lustig?

 

Ich glaube schon. Woher hätten wir als seine Geschöpfe sonst den Humor? Sicherlich ist Gott nicht in dem Sinne humorvoll, wie wir heute Comedy kennen. Da geht es meist darum, sich über die Eigenarten und Marotten der Mitmenschen lustig zu machen. Wobei ich mir schon vorstellen könnte, dass Gott im Himmel dem Treiben der Menschen zuschaut und sich manchmal das Grinsen nicht verkneifen kann, wenn sich wieder einer seiner Erdenbürger tollpatschig verhält. Vielleicht, weil er verliebt ist? Ich muss allerdings zugeben, dass dies eine sehr menschliche Betrachtungsweise ist.

Zum Humor gehören Übertreibungen. Jeder kennt den Clown mit zu großen Schuhen oder dem zu kleinen Anzug. Das finden wir in der Bibel recht häufig. Also, jetzt nicht die großen Schuhe, aber Übertreibungen. Da ist einem dann vielleicht nicht gleich zum Lachen zu Mute, aber das, was gesagt wird, bleibt besser hängen, wird klarer veranschaulicht.

Jesus hat sehr gerne übertrieben, um seine Botschaft besser zu verdeutlichen. Als er darüber spricht, wie schwer es einem reichen Menschen fällt, in Gottes neuer Welt zu leben und die richtigen Prioritäten zu setzen, sagt er: Da geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr.

Wenn das nicht mit Augenzwinkern zu verstehen ist! Es gibt Ausleger, die meinen, Jesus spielt hier auf ein kleines Stadttor Jerusalems an, das angeblich Nadelöhr genannt wurde. Wie auch immer. Heute hätte er vielleicht gesagt: Da passt doch besser ein Auto in eine Streichholzschachtel oder eine Kuh durchs Mauseloch.

Wenn ich mir vorstelle, wie es wohl gewesen ist, als der Prophet Jona nach seinem Zickzack- Trip wieder von Ninive heimkommt, muss ich unwillkürlich lachen. Seine Freunde haben wohl gespannt und schadenfroh darauf gewartet, endlich von der Zerstörung Ninives zu erfahren. Bevor Jona ihnen diese Suppe versalzen wird, muss er zuerst noch die Geschichte von seiner Tauchfahrt erzählen. Glibber statt Glamour. Es folgten ein heftiger Würgereiz und dann die erste erwähnte Lebensübergabe und zwar am Strand. Ich kann mir nicht helfen, aber das ist doch lustig, oder?

Wenn wir natürlich immer mit heiligem Ernst auf alle biblischen Geschichten gucken, mögen meine Nacherzählungen vielleicht befremdlich klingen. Aber stellen wir uns doch mal Folgendes vor: Wir gehen in einen Zoo, in dem seit Monaten die Ställe nicht mehr gereinigt wurden oder vielleicht gereinigt, aber der ganze Dung nur zur Seite geräumt wurde. Es stinkt bestialisch und wir suchen ganz schnell das Weite, obwohl die Tiere so beeindruckend sind und gerade erst süße Eisbären geboren wurden.

So oder ähnlich muss es damals in der Arche zugegangen sein. Gummistiefel waren noch nicht erfunden, ebenso keine Entmistungstechnik mit hydraulischem Schrapper und Breitschieber. Das blieb damals alles indoor. Nichts wie raus hier. Wie es tatsächlich war, darüber schweigt die Bibel und überlässt es unserer Fantasie. Herrlich.

Ich hatte bei solchen Geschichten schon als Kind wunderbare und sehr plastische Fantasien. War irritiert, als ich böse Blicke erntete, wenn ich meine Gedanken teilte. Also früher in gesprochenen Worten mitteilte. Ich finde, dass es in unserm Leben viel zu lachen gibt. Das hört für mich auch nicht in dem Moment auf, wo ich über meinen Glauben rede und biblische Geschichten mit ins Spiel kommen.

 

Und wie ist das mit Jesus?

 

Hat Jesus gelacht? Lächelt er? Es wird erzählt, dass Jesus geweint hat, aber nicht, dass er gelacht hat. Hatte er nur Weinen und Mitleid als menschliche Regung? Wohl nicht. Man muss bedenken: Die vier Evangelien mit den Erzählungen von Jesus sind keine Biografien in unserem heutigen Sinn. Die Evangelien haben eine Absicht. Sie wollen Jesus als den darstellen, der die Gottesbotschaft bringt und durch sein eigenes Leben lebt. Da wird nicht alles gesagt, was geschehen ist.

Ganz bestimmt können wir wohl davon ausgehen, dass Jesus lächelte und lachte. Jesus war wahrer Mensch und wahrer Gott – so glauben wir es als Christen. Bei ihm haben sich Ernst und Freude, Schmerz und Lächeln nicht ausgeschlossen. Ganz bestimmt können wir wohl davon ausgehen, dass Jesus lächelte und lachte. Evangelium heißt „frohe Botschaft“ und die lässt sich mit verbissenem Gesicht nur schwer erzählen. Die Nachricht von Gottes kommendem Zeitalter ist hoffnungsvoll und soll Freude auslösen. Da muss es auch fröhlich zugehen.

Jesus hat sich gefreut, er hat mit Menschen gegessen und getrunken, er war auf Hochzeiten. Er hat Kinder in die Arme genommen und sich mit und an ihnen gefreut. Er hat die Menschen voll Liebe angesehen und wer jemanden voll Liebe anschaut, der schaut nicht ernst.

Mein eineinhalbjähriger Enkel hat in diesem Jahr zum ersten Mal bewusst den Frühling wahrgenommen. Er freut sich an Gänseblümchen und Löwenzahn. Das Staunen steht ihm im Gesicht. Jesus hatte seine Freude an dem Blühen der Lilien auf den Feldern und gab seinen Leuten in der Bergpredigt eine Verheißung. „Selig seid ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr sollt lachen.“

Christen sind die Menschen mit begründeter Hoffnung. Wir glauben, dass sich eines Tages Gottes Liebe und auch seine Gerechtigkeit durchsetzen werden. Das bedeutet, dass die, die jetzt unterdrückt werden, zu ihrem Recht kommen. Sie werden staunen, ihnen werden die Augen übergehen, sie werden es kaum glauben können und Freudentränen vergießen. Ich mag diese Vorstellung: Ein ansteckendes Lachen erfüllt den ganzen Himmel und ich kann nicht anders, als mit einzustimmen. Das ist unsere Zukunftsperspektive.

Im Hier und Jetzt, heute und morgen und übermorgen dürfen und sollen wir als Christen die Botschafter dieses kommenden Neuen sein. Dann bitte aber auch fröhlich.

Botschafter werden ausgesendet, um irgendwo anders ihr Land, ihre Werte, ihre Verantwortung und ihre Kultur zu repräsentieren und dafür zu stehen. „Dein Reich komme“ beten wir und meinen damit: Lass das, was im Himmel jetzt schon Realität ist, hier bei uns sichtbar werden – durch uns. Es bricht schon an. Eine Morgendämmerung.

Eine Tradition ist das Osterlachen. Das gibt es schon seit dem 14. Jahrhundert. In diesem Jahr ging ein Video viral, auf dem der katholische Bischof Stefan Oster am Auferstehungsfest einen Witz erzählte. Warum nicht?

Wenn nicht wir Christen voller Freude sein dürfen, wer dann? Wär doch gelacht!

 

* * *

 

Daniel KallauchDaniel Kallauch ist Theologe und Künstler. Seit über 30 Jahren ist er mit Kindermusik und Puppenspiel im deutschsprachigen  Raum unterwegs. Seine Lieder werden dort gesungen, wo gelacht werden darf. In Kindergärten, Schulen, Autos, beim Einschlafen und sogar in vielen Kirchen.

www.daniekallauch.de

 Seit einigen Jahren hat der Norddeutsche mit den roten Schuhen die abstrakte Malerei für sich entdeckt. Er macht Kunst für Sehnsüchtige. Bilder zwischen Himmel und Erde. Er gibt der Spannung zwischen dem „Jetzt schon und noch nicht“ einen Ausdruck, der Herzen höher schlagen lässt und nach oben zieht.

www.danielkallauch-kunst.de

 

© Bilder Daniel Kallauch: Gabriel D. Kirchner


 

Dieser Artikel stammt aus dem Erlebt Magazin zum Thema „Humor“ (Ausgabe Nr. 44 – Juni 2024)

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ERLEBT Ausgabe 44

 

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