Mit Abschieden umgehen

Trauer betrifft jeden Menschen irgendwann im Leben. Doch wie geht man richtig damit um? Was hilft und wie kann ich trauernde Menschen in meinem Umfeld unterstützen? – Ein Interview mit Yvonne Stüwe, Geprüfte psychologische Beraterin(vfp), Trauerbegleiterin, Paarberaterin

Liebe Frau Stüwe: Was ist Trauer eigentlich?

Trauer ist eine natürliche Reaktion mit Verlusten umzugehen. Sie ist ein Prozess, der dabei hilft, das Vergangene so in das heutige Leben zu integrieren, dass man mit dem Verlust weiterleben kann.

Und warum trauern Menschen?

Da unser Leben der Veränderung und der Entwicklung unterworfen ist, gehören Abschied und Neubeginn fortwährend zu unserem Leben dazu. Trauer ist der Prozess, mit diesen Abschieden umzugehen. Wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, ist der Verlust besonders gravierend, so dass die Reaktionen entsprechend heftig ausfallen. Wir trauern aber auch bei einer Trennung, einem größeren Umzug oder z.B. beim Verlust unserer Gesundheit.

Wie kann man mit Trauer umgehen?

Wenn wir einen nahestehenden Menschen verlieren, müssen wir zunächst begreifen, dass dieser Mensch tatsächlich endgültig und für immer fort ist. Dies geht mit vielen unterschiedlichen und oft widerstreitenden Gefühlen einher, wie z.B. Traurigkeit, Wut oder Angst. Es ist wichtig, diese Gefühle zuzulassen und Sie nicht zu unterdrücken.

Wann brauche ich Hilfe?

Zuwendung von Freunden und Familie ist für jeden Trauernden wichtig, um mit der neuen Lebenssituation klarzukommen. Wenn ich aber das Gefühl habe, die Trauer verändert sich nicht, die Intensität der Gefühle verebbt nicht mit der Zeit, ich kann auch nach Monaten oder gar Jahren nicht darüber sprechen oder gebe mir selbst die Schuld am Tod des anderen, wäre es gut sich professionelle Hilfe zu holen.

Wo finde ich Hilfe?

Kirchengemeinden, Hospizvereine oder Trauerinstitute haben häufig verschiedene Angebote. Vielen hilft es z.B. gerade bei dem Thema Trauer, in eine Trauergruppe zu gehen, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und zu sehen, dass man nicht alleine in dieser Situation ist. Für manche ist aber auch ein Eins-zu-eins-Gespräch mit einem Trauerbegleiter oder Seelsorger die richtige Wahl. Dies gilt es, individuell herauszufinden. Wichtig ist, dass man sich wohlfühlt und sich öffnen mag, um von diesen Treffen zu profitieren.

Wie lange dauert Trauern? Ist Trauer irgendwann vorbei?

Nein, ganz vorbei geht die Trauer nicht, es gibt immer mal wieder Momente oder Situationen, in denen das Gefühl des Verlustes akut zurückkommt. Aber die Trauer verändert sich. Die Gefühle werden weniger heftig, die fröhlichen Zeiten werden länger, man gestaltet das Leben neu, ohne den anderen, und schaut wieder positiv in die Zukunft. Das kann je nachdem wie eng und langjährig die Beziehung war und auf welche Art der Andere gestorben ist, einige Monate bis einige Jahre dauern, in der Regel sehr viel länger, als die Umgebung glaubt.

Wie kann man mit dieser Spannung umgehen, einerseits den normalen Alltag zu haben, aber eigentlich voller Trauer zu sein?

Der normale Alltag kann auch hilfreich sein, weil er erstmal Struktur in einem völlig auf den Kopf gestellten Leben bedeutet. Wichtig ist, sich abseits der Zeiten, in denen man funktionieren muss, sich Raum und Zeit zu geben, den Gefühlen freien Lauf zu lassen. Und sich zu trauen, die Umgebung auch einmal mit dem eigenen Traurig sein oder der Wut oder Zukunftsangst zu konfrontieren. Man muss nicht immer fit und fröhlich sein, auch wenn uns die Gesellschaft das oft einredet.

Wie kann man nach einem Verlust wieder ins Leben zurückfinden?

Für die meisten ist es hilfreich immer wieder darüber zu sprechen, um den Verlust zu verarbeiten. Und man sollte unbedingt auf das eigene Bauchgefühl hören, wann es z.B. richtig ist, Dinge vom Verstorbenen auszusortieren und wegzugeben, Möbel umzustellen oder die Wohnung zu wechseln. Es gibt dafür keine Regel, die Trauernden wissen irgendwann, jetzt ist es soweit, jetzt ist es richtig.

Inwieweit kann der Glaube helfen, Trauer zu verarbeiten?

Der Glaube daran, dass der Verstorbene bei Gott ist, kann gläubigen Trauernden ungemein helfen. Natürlich ist der eigene Verlust dadurch nicht geringer, aber der tröstende Gedanke, dass es dem Anderen gut geht, dass er nur vorausgegangen ist, hilft bei der Verarbeitung. Leider führt Trauer manchmal auch zu einer Glaubenskrise, einem Hadern mit Gott, dass ER den Tod zugelassen hat und ER einem den geliebten Menschen genommen hat.

Wie gehe ich mit Menschen in meinem Umfeld um, die einen Verlust erlitten haben?

Zuhören, Hilfe anbieten, aktiv auf den Trauernden zu gehen. Die meisten Trauernden leiden darunter, dass sich plötzlich niemand mehr meldet, so dass zu dem eigentlichen Verlust auch noch der Verlust vieler Freunde hinzukommt.

Was tröstet? Was hilft gar nicht?

Es hilft, einfach da zu sein. Wenn man nicht weiß, was man sagen soll, ruhig zugeben, dass einem gerade die Worte fehlen, das ist hilfreicher, als wenn man irgendwelche Phrasen wie „Kopf hoch, das wird schon wieder“ oder „die Zeit heilt alle Wunden“ von sich gibt. Und dem Trauernden Angebote machen, z.B. zur gemeinsamen Freizeitgestaltung und sich auch von einem momentanen Nein nicht entmutigen lassen, sondern es wieder versuchen. Ratschläge sollte man hingegen vermeiden.

Welchen Rat geben Sie Trauernden als Expertin?

Es gibt keine Regel, wie man richtig trauert, deshalb, alles was sich richtig oder hilfreich anfühlt, ist in Ordnung. Sie können nichts falsch machen, solange Sie ihre Gefühle zulassen. Hören Sie auf ihre innere Stimme, die Stimme Gottes, nicht darauf, was andere für richtig halten.

Vielen Dank für das Gespräch!

 


 

Dieser Beitrag stammt aus unserem ERLEBT Magazin zum Thema „Angst“.
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